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Mit Querdenken die Welt verändern

Eine Woche im Zeitalter des Coronavirus – von zivilisiert bis paranoid

Diesen Artikel gibt es auch als Podcast

Wir stecken mitten in der Coronakrise. Kontaktverbot für mehr als zwei Menschen außerhalb der häuslichen Wohngemeinschaft, nötige berufliche Kontakte ausgenommen, viele Geschäfte geschlossen. Heute Wocheneinkauf bei Aldi. Alles beengt wie immer. Jeder versucht dennoch an dem Anderen im Radius von 2 Meter vorbeizukommen. Staus, warten. Viele mürrische Gesichter, einige entspannte, lächelnde. Am Gemüse dann eine tumultartige Szene als eine Frau einer anderen eine Spur zu nahe kommt: „Ich kann Sie auch anzeigen“, schreit die Dame der anderen entgegen, „wenn Sie den Abstand nicht einhalten“. Sie solle sich beruhigen, rufe ich ihr aus 10 Metern Entfernung zu, aufregen schadet dem Immunsystem. Dann Stille. Ich blicke in das finstere Gesicht der Dame, dahinter offensichtlich Todesangst. Die Deutsche Paranoia ist wieder da. Das Denunziantentum hat offensichtlich wieder Konjunktur. In der Nähe der Kasse nehmen wir zwei Packungen Toilettenpapier mit: Eines für unsere Arztpraxis, eines für uns privat. An der Kasse höre ich, wie die Kassiererin einem Kunden sagt: „Pro Wagen nur eine Packung Toilettenpapier.“ Gut, Hamsterkäufe sollten verhindert werden. Ich spreche eine Mitarbeiterin an, wie das bei uns als Arztpraxis ist und biete an, meinen Arztausweis zu zeigen. Keine Chance: “ Da müssen Sie später nochmal wieder kommen und das extra kaufen.“ Eine Mitbürgerin, die das mitbekommen hat, bietet an, dass sie die eine Packung Toilettenpapier für uns kauft und ich ihr hinter der Kasse das Geld gebe. So machen wir das und gleichen von diesem Momemt unser Einkaufstempo an das der Dame an .Es klappt. Verrückte Zeiten. Während des Einkaufs habe ich die ganze Zeit zwei Lieder im Kopf: Von Korkartor: Wir werden alle sterben, haltet Euch bereit. Die Zeichen sind eindeutig, bald ist es soweit. “ Das andere ist die Melodie von „die Gedanken sind frei.“ Das baut mich auf. Äußere Einschränkung, innere Freiheit.

Viele Diskussionen diese Woche. Per Mailforen, per Twitter, Facebook, Telefon und live. Sehr viele engagierte Menschen im Netz, die die aktuelle Politik, die fehlende Vorbereitung auf die Krise und die scharfen Maßnahmen kritisieren. Einige, die auf den Coronaviruspandemieplan von 2013 der Bundesregierung aufmerksam machen, in dem das aktuelle Geschehen schon detailliert beschrieben wurde. Das ZDF berichetet darüber (https://www.zdf.de/politik/frontal-21/versaeumte-pandemie-vorsorge-100.html) Es wird klar, die Politik hat geschlafen. Noch Ende Januar wurde die Pandemie vom aktuellen Gesundheitsminister Spahn, wie auch vom Leiter des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler verharmlost. Arztpraxen und Krankenhäuser bekommen Versorgungsengpässen mit Desinfektionsmitteln, Schutzkleidung und Masken Schwierigkeiten und werden damit alleine gelassen. Das Lob, das wir Ärzte von Spahn letzte Woche per Brief alle bekommen haben, wie wichtig wir doch seien, erinnert mich an den Abwurf von Orden an die in Stalingrad eingeschlossene 6. Armee der Reichswehr durch die deutsche Luftwaffe. Zuckerbrot und Peitsche, ein klassisches Machtinstrument, das hier aber zu durchschaubar ist.

Viele unserer Patienten trauen sich nicht in die Praxis zu kommen, weil sie jetzt in der Coronakrise Angst vor Ansteckung haben. Darauf haben wir reagiert, Telefonsprechstunden eingerichtet sowie eine Videosprechstunde und auch Heimarbeitsplätze für alle Ärzte und eine Helferin. Im Wartezimmer befinden sich nur noch vier Stühle, die Patienten werden so einbestellt, dass das Wartezimmer möglichst kurz oder gar nicht betreten wird. Wir tragen bei Untersuchungen einen Mundschutz. Das wird gut angenommen. Die Patienten sind dankbar. In unserer aktuellen Notfallsprechstunde sind wir weiter für unsere Patienten da, bei vielen Anliegen brauchen wir Diagnostik, Labor, EKG und müssen selbst Hand anlegen und mit allen unseren Sinnen wahrnehmen, um helfen zu können. Hier sind die Grenzen einer Digitalisierung, wie sie von Spahn und Co gepusht werden. Das funktioniert auch dewegen so gut, weil wir unsere Patienten persönlich kennen und sie zu uns Vertrauen haben. Und weil wir von den meisten ihre Lebensgeschichte, ihre Krankheiten und ihre Persönlichkeit kennen. Ein Horrorszenario wäre, wenn jeder Arzt in der ganzen Welt digital jeden Patienten ohne persönlichen Kontakt vorher beraten könnte und es keine Praxen mehr gäbe, in denen man sich live und in einem geschützen Raum begegnen könnte. Wenn nur noch Geschäftsführer das Sagen hätten. Wenn alles abgreifbar wäre, überwachbar. Wenn die wenigen Praxen Medizinische Vorsorgungsszentren (MVZs) mit angestellten und damit abhängigen Ärzten wären, in denen nicht mehr jeder Arzt nach besten Wissen und Gewissen Medizin machen könnte. Wenn es nur noch um Zahlen ginge.

Doch genau dieses Szenario ist anscheinend das, was Jens Spahn vorschwebt. Seit zwei Jahren protegiert er verschiedene Firmen, die Apps für die medizinische Versorgung herstellen, äußerte in der FAZ, dass er kleine Start ups fördern will, zwingt Ärzte, sich trotz Sicherheitsbedenken an die unter Kritik stehende Telematikinfrastruktur anzuschließen und nutzt jetzt die Coronaviruspandemie dazu, personifizierte Handybewegungsprofile durchzusetzen. Nach massiven Protesten am letzten Wochenende wurde das erst einmal aus der Novellierung des Infektionsschutzgesetzes diese Tage auf Druck der Opposition genauso herausgenommen, wie auch die Zwangsrekrutierung von Ärzten, Pflegern, Apothekern und Medizinstudenten oder eine Weisung an die Länder, wie sie im Pandemiefall vorzugehen hätten. Lediglich ein Verkaufsverbot für Medikamente, Diagnostikgeräte und Schutzkleidung kann Spahn jetzt per Verordnung durchsetzen. Damit können wir leben.

Doch der Machtpolitiker Spahn gibt – wie erwartet – keine Ruhe. Jetzt poltert er, dass eine Aufhebung der Beschränkungsmaßnahmen nur mit einer personifizierten Handydatenortung möglich sei. Gut, dass Spahn kein Bundeskanzler ist und dass der von Süddeutscher Zeitung und FAZ schon als Ermächtigungsgesetz bezeichnete Entwurf zum Infektionsschutzgesetz ihm nicht diese umfassenden Möglichkeiten gibt. „Spahn kein Diktator“ titelt die TAZ. Hier müssen wir als Bevölkerung aufpassen und alle Entscheidungsträger dazu bewegen, sich für demokratische Vorgehensweisen und gegen autokratisches Vorgehen einzusetzen. Wir dürften nicht vergessen, dass unser Grundgesetz in den Artikeln 1 bis 19 aus den Menschenrechten besteht. Setzen wir uns mit aller Kraft und Intelligenz dafür ein und erlauben wir niemanden diese Rechte auch nur indirekt auszuhöhlen. In diesem Sinne wünsche ich allen eine schöne Woche mit wachem Geist und reinem Herzen. Oder wie die neue Abschiedsformel ist: Bleibt gesund. Meine Wahl für den Satz des Jahres 2020.

Ein Wochenende im Zeitalter der Coronavirus-Pandemie – Erfahrungen eines Arztes im Alltag

Endlich waschen sich die Leute mal, dachte ich am Anfang der Epidemie, die schnell in eine Pandemie umbenannt wurde. Seife, Toilettenpapier wurde in großen Mengen gekauft, ja gehamstert. Genauso Konserven, Nudeln und vieles mehr. Leere Regale, wie in der DDR früher, was ich nur aus Berichten weiß. Als ich in den letzten Wochen zwischen 7 und 8 Uhr bei unserem Karbener netto und dem dm nebendran einkaufen war, war es für die Uhrzeit relativ voll. Leute, die mit Handschuhen einkaufen gehen, ein Mann, der eine Plane über seinen Einkaufswagen gespannt hat, viele ängstliche, ja panische Gesichter. Nach der Ansprache der Kanzlerin vor wenigen Tagen, die verkündete: „Die Lage ist Ernst, bleiben Sie zu Hause. Halten Sie Abstand zu anderen“, war auch der wöchentliche Einkauf gestern noch einmal ein besonderes Erlebnis.

Inziwschen waren vor den Kassen Klebestreifen zum Abstandhalten von 1,5-2 Metern, je nach Geschäft, auf dem Boden aufgeklebt. Im Karbener Tegut waren die Einkaufswagen rationiert, man kam nur noch mit Einkaufswagen rein wurde sonst von den Angestellte und besorgten Mitbürgern gleich angeschrieen, dass man so nicht rein dürfe und wurde wieder weggeschickt. Im Laden dann verschiedene Situationen, die ich mir noch vor einigen Wochen nicht vorstellen konnte. Eine ängstlich wirkende blonde Frau um die 40 mit weißen Handschuhen wollte offensichtlich an bestimmte Lebensmittel, hätte dafür aber den Radius von 2 Metern zu mir leicht unterschreiten müssen. Das stellte sie vor ein unlösbares Problem. Nach mehreren Anläufen gab sie auf – bis meine Frau kam und wir weiter zogen. Dann eilte sie mit einem schnappenden Griff zu dem Lebensmittel, griff es hastig, warf es in ihren Einkaufswagen und rollte mit maximalem Abstand zu den Mitmenschen wie auf Eiern weiter.

An der Kasse hatte sich eine Schlange von Menschen mit Einkaufswägen im Abstand von 1,5 Metern durch den halben Laden gebildet. Eine Schlange, die sich erst kurz vor den Kassen auf die beiden Kassen aufteilte. Britische Verhältnisse. Jeder wartete brav. Das hat etwas, finde ich. Kein Geremple, kein „ich zuerst“, wenn eine weitere Kasse öffnet. Häufig ein „bleiben Sie gesund“ von den Kassiererinnen oder Kunden. Sehr besonders. Als ich meinen Einkaufswagen vor dem Markt wegbringen wollte rannte eine Dame mittleren Alters mit ihrem Wagen auf das Einkaufswagendepot zu, gab dem Wagen einen starken Schubs und rannte weg – ohne den Einkaufswagen in einen anderen Wagen hineinzuschieben, die Kette zu befestigen und ihren Chip mitzunehmen. So hatte ich einen Chip gewonnen durch die Coronavirus-Krise.

Viele Nachrichten auf vielen Kanälen erreichen mich. Von der Ansicht, es handle sich nur um eine Pandemie, alle Maßnahmen seien gerechtfertigt oder noch viel zu wenig, bis hin zur Übernahme einer Weltregierung und Zusammenbruch des gesamten Politik-und Finanzsystems. Alle für sich gut begründet. Unter meinen Freunden, Bekannten und Kollegen bunt gemischt Anhänger der verschiedenen Theorien. Nach der Fake-Schweinegrippe-Pandemie, auch offensichtlich angezettelt durch die von der Bill und Melinda Gates –
Stiftung im Jahre 2009, bin ich bei Bewertungen vorsichtig geworden. Die Toten in Italien sind Zeichen, dass wir aufpassen müssen, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet wird. Aber die zögerlichen Maßnahmen der Politik mit fehlenden Hilfen für Ärzte in Krankenhäusern und Praxen und der gleichzeitig übertriebenen Kontrolle, dass Handybewegungsprofile anonym ungefragt an das Robert-Koch-Institut weitergegeben werden, lassen meine Alarmglocken schrillen. Worum geht es hier? Nutzen hier Politiker, wie Jens Spahn, die Situation für sich aus, um ihre undemokratischen Gesetze durchzusetzen, gegen die es sonst Widerstand gegeben hätte? Unter dem Deckmäntelchen von Epidemien und Pandemien könnte so in der Zukunft ein weitreichendes Versammlungsverbot, eine Ausgangssperre, ein Berufsverbot ausgesprochen und bestimmte Teile der Wirtschaft geschwächt oder gestärkt werden, je nach unterstützenden Maßnahmen, die ergriffen oder nicht ergriffen werden. Gestern wurde verkündet Spahn plane eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes und wolle vom Bund das Heft in die Hand nehmen. Wenn jetzt noch eine Zensur des Internets stattfindet, wie in der Türkei, bloggen, twittern, Mails, Facebook und Homeoffice eingeschränkt werden, dann haben wir einen totalitären Staat oder zumindest die Gesetze, um so zu regieren. Hier müssen wir alle immens aufpassen.

Während ich das schreibe kommt die Nachricht, dass Bundeskanzlerin Merkel das Ergebnis der Gespräche mit den Ministerpräsidenten der Länder bekannt gegeben hat. Jetzt dürfen sich außerhalb der Familien nur noch zwei Personen treffen. Unsere Arztpraxis und die Krankenhäuser sind natürlich ausgenommen. Spooky. Seid wachsam, dass sie uns nicht die Demokratie aushebeln. Spahn und Söder und wie sie alle heißen haben das Potential undemokratische Strukturen zu etablieren. Wir werden und MÜSSEN ihnen auf die Finger schauen und Mißbrauch konsequent entgegentreten.

Euch allen eine schöne Woche! Bleibt gesund und aufmerksam, worum es hier wirklich geht. Und macht beim Social Distancing mit. Aber passt auf vor Gehirnwäsche und denkt selbst.

Ein Augenöffner: Bernd Hontschiks neues Buch „Erkranken schadet Ihrer Gesundheit“

Bernd Hontschiks Buch „Erkranken schadet Ihrer Gesundheit“, erschienen im Westendverlag, Frankfurt am Main 2019, hat kein geringeres Ziel als die Humanmedizin vor der Deformation des Maschinendenkens zu bewahren und das solidarische Gesundheitswesen vor dem Würgegriff des Kapitalismus zu retten. Dem bekannten Frankfurter Chirurg und Autor ist ein prägnantes auf den Punkt geschriebenes Werk gelungen, das nicht nur die Augen für die Realität unseres aktuellen Gesundheitssystems und die Zusammenhänge in der Welt öffnet, es ist mit seinen kurz gehaltenen Kapiteln und seinem angenehmen Schreibstil auch kurzweilig.

Dabei geht es um die Machenschaften der Pharmaindustrie, wie Pfizer, die illegal Medikamente in der dritten Welt getestet haben oder um überhöhte Preise für Pneumokokken-Impfstoffe, die durch Impfstoffgeschenke an „Ärzte ohne Grenzen“ kaschiert werden sollten. Die Organisation hatte das durchschaut und abgelehnt.

Ferner enttarnt Hontschik den Begriff der Kostenexplosion im Gesundheitswesen als ein Märchen, der verwendet werde, um Maßnahmen zu Lasten der Kranken durchzusetzen. Eine Kostenexplosion existiere nachweislich nicht, wie er vorrechnet. Er kritisiert das Anfang der 2000er Jahre eingeführte für Deutschland neue Abrechnungssystem der Diagnosis Related Groups (DRGs) als Ursache des enormen Drucks der Geschäftsleitungen auf Ärzte und Pfleger, der in der Folge zu einer Privatisierungswelle von Krankenhäusern geführt habe. Es gehe nicht mehr um die Medizin als Heilkunst, sondern um den Profit: Die Verwandlung des Gesundheitswesens in eine Gesundheitswirtschaft.

Schockierend der Bericht, dass es in Deutschland seit einigen Jahren keine Produktion von Antibiotika mehr gebe, dass diese vor allem in Indien und China unter schlimmen Arbeits- und Hygienebedingungen hergestellt würden. Da nur der letzte Produktionsschritt deklarationspflicht sei, werde das kaschiert und sei weitgehend unbekannt.

Der Bericht über die Unterwanderung der World Health Organisation (WHO) durch die Pharmaindustrie erfüllt mit Sorge, wenn klar wird, dass diese nicht mehr in der Mehrheit von den Staaten, sondern von der Bill-and-Melinda-Gates-Stifung finanziert wird. Diese bezieht ihr Geld aus Anlagevermögen von Coca-Cola, PepsiCo, Unilever, Kraft-Heinz und von anderen Alkohol-und Pharmakonzernen. Damit kann die WHO ihrem ursprünglichen Auftrag , einen Beitrag zur Weltgesundheit zu leisten, nicht mehr nachkommen, da sie sonst gegen diese Hersteller von Junkfood vorgehen müsste. Die WHO hat ihre Unabhängigkeit verloren.

Weitere Kapitel über die Aufhebung des Fernbehandlungsverbots, die sogenannte „elektronische Gesundheitskarte“, die alles andere als Gesundheit bringt und mindestens 2 Milliarden Euro und die Datensicherheit gekostet hat, über unnütze „Vorsorge“, die keine ist und die verkürzte Lebenserwartung durch Armut, auch in unseren Breitengraden, die Machenschaften der Familie Sackler, Lobbyisten und zweifelhafte Gesundheitspolitik runden das Buch ab.

Mein Prädikat: Absolut lesenswert! Jeder sollte das Buch gelesen habe, ob Patient oder im Gesundheitssystem Tätiger oder einfach nur interessierter Bürger. Dieses Wissen gehört zur Allgemeinbildung für jeden, der fundiert mitreden möchte.

Wo Jens Spahn irrt

Meine Frau hat mir das Buch „App vom Arzt“ von Jens Spahn und Kollegen geschenkt, damit ich sehen kann, was er schon vor 2016 zu dem Thema Digitalisierung dachte. Endlich bin ich dazu gekommen, das Buch zu lesen, das 2016 heraus kam.

Spahn vermischt hier einige Wahrheiten mit Halbwahrheiten, wenn er Fax und Mail als unsichere Kommunikation zwischen Ärzten beschreibt, aber das bereits vorhandene KV-Safenet und KV-Connect, das wir in Hessen haben, nicht erwähnt. Dieses ist von kommerziellen Anbietern unabhängig. Und natürlich sind diese sicheren Datentunnel noch nicht flächendeckend vorhanden. Dies könnte man aber mit Anreizen, wie einer Honorierung elektronischer Briefe, aber nicht von Fax und Mail, steuern. Hier hätte es der milliardenschweren Telematikinfrastruktur über CompuGroup und Bertelsmann und Telekom nicht bedurft, die uns viel Ärger macht und die Daten angreifbar.

Wenn Spahn schreibt, Datenschutz sei nur etwas für Gesunde, dann irrt er komplett. Er singt das Hohelied des laxen Umgangs mit Daten in den USA und kritisiert den strengen Datenschutz in Deutschland. Nein, die Datenhoheit muss weiterhin in Hand der Patienten liegen. Was wir brauchen, ist eine Patientenakte, bei der die Patienten die Zugriffsrechte festlegen. Und zwar von Anfang an. Kein Betriebsarzt zum Beispiel darf, wenn der Patient das nicht möchte, die komplette Krankengeschichte einsehen. Das kann im schlimmsten Fall berufliche und damit finanzielle und existenzielle Folgen für den Patienten haben. Anders ein Notfalldatensatz, auf den im Notfall auch Notarzt und Rettungssanitäter zugreifen können sollten. Natürlich kann es sinnvoll sein, wenn die Patienten medizinische Apps ZUSÄTZLICH verwenden, um eine erste Einschätzung zu bekommen. Oder um Blutzuckermesswerte mit einer Praxis ihrer Wahl elektronisch auszutauschen. Das ist alle Mal besser als Doktor Google, den die meisten Patienten heute dann und wann konsultieren.

Was hier auch vergessen wird ist der menschliche Faktor. Es geht nicht nur um Messwerte und Daten, es geht um den persönlichen Kontakt mit einem Arzt des Vertrauens. Ein Hausarzt beispielsweise weiß, wie seine Patienten ticken, er kennt nicht nur die Krankheitsgeschichte, er kennt auch ihre Sorgen und Nöte, im  besten Fall auch weitere Familienmitglieder, vielleicht auch die Eltern, vielleicht auch die Großeltern. Und ein Arzt kann mit allen seinen Sinnen wahrnehmen, auf welcher Ebene es gerade klemmt. Das ist nicht immer nur der Blutzucker oder der Blutdruck. Dabei handelt es sich auch um Ebenen, die über Apps nicht abrufbar sind, bei denen Apps eher in die Irre führen.

So ist es auch, wenn Wiederholungsrezepte ohne Arztkontakt gleich elektronisch auf das Handy des Patienten geschickt werden. Normalerweise gibt es ein Gespräch über die Lebenssituation, was gerade los ist. Der Arzt fragt die Nebenwirkungen ab, macht nicht auf notwendige Laboruntersuchungen, EKGs aufmerksam. Es werden vom Arzt weitere Themen angesprochen. Nicht so bei einem automatischen Rezept auf das Handy ohne Arztkontakt.  Nichts gegen elektronische Rezepte auf das Handy, wenn der Datenschutz  gewährt ist, wenn die Arbeitszeit für Arzt und medizinische Fachangestellte nicht unnötig erhöht wird, kann das durchaus mit Arztkontakt sinnvoll sein.

Elektronik kann nur Unterstützung sein, Apps nur Hilfsmittel. Es braucht weiterhin Ärzte, die Zeit für ihre Patienten haben, sich ihre Sorgen und Symptome anzuhören und dann mit allen ihren Sinnen wahrzunehmen, was das Problem ist. Die Lösungen werden in gemeinsamer Entscheidungsfindung mit den Patienten erarbeitet. Der Arzt als Experte schlägt verschiedene Möglichkeiten vor. So, wie bei einem Sektempfang verschiedene Getränke angeboten werden, von denen man etwas nehmen kann oder eben nicht. Partizipative Entscheidungsfindung und Adhärenz wird das in der Fachsprache genannt.

Was wirklich fehlt im deutschen Gesundheitssystem ist eine Steuerung durch Hausärzte. Das würde mehr Termine bei Spezialisten bewirken, die wirklich nötig sind. Wir Hausärzte als erste Ebene sollen im Gesundheitssystem aus dem unselektierten Patientengut heraussortieren, wer akut behandelt werden muss, wer zum Spezialisten überwiesen, ins Krankenhaus eingewiesen werden muss oder wo wir im Sinne eines abwartenden Offenhaltens eine Kontrolle vereinbaren. Das ist international so und in Deutschland ein wenig durcheinander geraten. DAS ist das Problem, das es für einen Gesundheitsminister zu lösen gilt. Und nicht eine überstürzte und von oben oktroyierte Digitalisierung mit der Brechtstange, um die Digitalisierungindustrie und besonders Startups, wie Spahn in der FAZ zitiert wurde, zu fördern.

Betriebsarzt will kurz mal elektronische Patientenakte sehen

Beitrag aus Facebook : Zukunftsvisionen der elektronischen Patientenakte. So kann es kommen. Ab 2021.

„Einstellungsgespräch: Bitte Gesundheitskarte nicht vergessen, unser Betriebsarzt möchte „nur kurz“ in Ihre elektronische Patientenakte sehen.

Dieses Szenario kann auch wieder belächelt werden und als neuerliche „Verschwörungstheorie“ abgetan werden. Aber die Eingangsuntersuchung beim Betriebsarzt oder gar die Untersuchung beim Amtsarzt sind in vielen Unternehmen, Behörden, öffentlichen Einrichtungen oder Anstalten des öffentlichen Rechts nicht nur üblich sondern häufig Pflicht. Gibt es eine elektronische Patientenakte nach Willen von Herrn Spahn, kann der Betriebs- oder Amtsarzt leicht auf alle medizinischen Daten des Anwärters zugreifen.

Dann liegt alles offen. Nicht nur die Stärke der Brille, sondern ggf. die Veränderung der Dioptrienzahl. Oder 2 Psychotherapien in den letzten 20 Jahren.

Ist der Anwärter noch „jungfräulich“, also mit Ausnahme von Erkältungen und ein paar Darmgrippen kerngesund, ist er noch nicht aus dem Schneider.

Denn per Arbeitsvertrag könnten „regelmäßige betriebsärztliche Überprüfungen bzw. Untersuchungen“ vorgeschrieben werden. Wenn Spahn mit seinen Vorhaben durchkommt, wird hier für nicht einmal mehr die Zustimmung, bzw. das Einlesen der Versichertenkarte notwendig sein, denn Ärzte dürfen dann auch ohne Anwesenheit des Patienten in seinen Daten lesen. Und der „Patient“ bzw. hier der Arbeitnehmer braucht davon auch nichts zu erfahren. Auch nicht, wenn er plötzlich versetzt, nicht mehr befördert wird oder gekündigt wird.“

Der Youtuber Rezo: die Zerstörung der CDU

Klasse, ein junger Youtuber legt sich mit der CDU an. Und das auf so eine so lockere und professionelle Art in Jugendsprache, dass die CDU nichts Relevantes dagegen setzen kann. Schaut euch das mal an:

https://youtu.be/4Y1lZQsyuSQ

Wer da am Sonntag bei der Europawahl noch CDU/EVP wählt, der hat nichts verstanden.

Brief an Ihren Bundestagsabgeordneten:

Verschiedene Maßnahmen des Bundesministers für Gesundheit, Jens Spahn, laufen auf eine Schwächung der Hausarztmedizin hinaus. Letztlich kann das dazu führen, dass freiberuflich arbeitende Ärzte ihre Praxen dann nicht mehr in der aktuellen Form betreiben können. Es droht eine Übermacht von kommerziellen Medizinischen Versorgungszentren (MVZs), in denen Ärzte von Geschäftsführern abhängig sind und das oberste Ziel die Gewinnmaximierung auf Kosten der Patienten ist. Dort haben Patienten dann auch keine festen Ansprechpartner mehr, die Ärzte sind angestellt und arbeiten im Schichtsystem, bei einer gewöhnlicherweise hohen Fluktuation.

Desweiteren wird den Ärzten und Psychologen ab dem 1.7.2019 die Telematikinfrastruktur (TI) von der Politik unter Strafe aufgezwungen. Dabei handelt es sich um eine Datenleitung zu den Krankenkassen, die an unsere Praxissysteme angeschlossen werden muss. Wir tun alles, um Ihre Daten auch weiterhin zu schützen und werden von unseren IT-Betreuern hier gut beraten. Dennoch sind zentral gespeicherte Daten bisher niemals 100% sicher gewesen und werden es auch nicht sein. Selbst der Bundestag wurde ja schon gehackt. Mitarbeiter aller 113 Krankenkassen sowie Techniker haben dann Zugriff auf Ihre Daten. Man schätzt, dass es mindestens 360000 Personen sein werden. Eine Alternative mit einer Speicherung aller Ihrer Daten auf Ihrer elektronischen Gesundheitskarte (eGK) ist technisch möglich, aber von der Politik nicht gewollt.

Wir möchten Sie daher bitten, das folgende Anschreiben an den oder die Bundestagsabgeordneten Ihres Wahlkreises zu schicken. Die Bundestagsabgeordneten bekommen Sie leicht über folgenden Link heraus:

www.bundestag.de/abgeordnete

Dort geben Sie Ihre Postleitzahl ein und können auf Ihre Bundestagsabgeordneten klicken und den Text per Post oder per Mail an sie schicken.

Hier eine Briefvorlage:

Sehr geehrte(r) …

als Patient und Wähler sehe ich in der Politik des Bundesministers für Gesundheit, Jens Spahn, zunehmend eine Gefahr für die Hausarztmedizin und für die Sicherheit meiner Daten. Eine weitere Kommerzialisierung der Medizin, bedroht die Unabhängigkeit von ärztlichen Entscheidungen und stört das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient.

Hausärzte sind für viele gesundheitliche Anliegen der erste Ansprechpartner. Sie kennen Patienten oft seit Jahren mit ihren Krankheiten, ihrer Lebensgeschichte, ihren Sorgen. Sie kennen häufig auch die Familie und das Umfeld.

Die Politik von Herrn Spahn führt zu einer Schwächung der Hausärzte und Verschlechterung der Betreuungsqualität, wenn z.B. Leistungen, wie (Grippe-) Impfungen in Apotheken ausgelagert werden sollen.

Auch die Verschreibung von Dauermedikamenten über ein ¾-Jahr ohne ärztliche Kontrolle ist bedenklich, da dann ggf. keine Dosisanpassung vorgenommen werden kann, keine Abfrage von Nebenwirkungen stattfindet oder Laborwertkontrollen oder EKGs unterbleiben.

Eine Schwächung der Hausarztmedizin führt zu der Gefahr, dass die Existenz von Hausarztpraxen mittelfristig gefährdet wird und der Verkauf an kommerzielle Anbieter von Medizinischen Versorgungszentren droht, die dann die Gewinnmaximierung und nicht die optimale Versorgung der Patienten als Ziel haben. Dort sind die Ärzte von wirtschaftlich denkenden und handelnden Geschäftsführern abhängig.

Als Patient möchte ich weiterhin eine Praxis mit festen Ansprechpartnern, die mich über lange Zeit betreuen, Ärzte, die mich kennen, mir zuhören und denen ich vertrauen kann, dass ihre Entscheidungsfindung unabhängig ist von Pharmaunternehmen oder von Gewinnmaximierung. Dies wäre zum Beispiel bei kommerziellen MVZs oder börsennotierten Unternehmen nicht der Fall.

Desweiteren macht mir die von der Politik gewollte Telematikinfrastruktur Sorgen, bei der viele Sicherheitsfragen nicht geklärt sind, wie die jüngsten Skandale zeigen. Hackerangriffe, wie ja auch auf den Bundestag, zeigen, dass die Daten niemals über lange Zeit sicher sind. Die Gesundheitsdaten können in den Händen der falschen Personen immensen Schaden für mich anrichten. Zudem ist die ärztliche Schweigepflicht und damit das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient in Gefahr.

Ich möchte Sie bitten, sich für eine Stärkung der Hausarztmedizin mit freiberuflichen Ärzten einzusetzen und die oben genannten Maßnahmen von Herrn Spahn zu verhindern, um weiter eine hochqualitative und vom Kommerz unabhängige Gesundheitsversorgung in Deutschland zu garantieren.

Mit freundlichen Grüßen

Kommerzialisierung der Medizin

Nochmal ein paar Worte zu Spahns Ideen und Vorhaben:

Ein Kollege sagte das kürzlich recht treffend: „Herr Spahn schießt die Praxen reif für die Investoren.“

Glaubt Ihr wirklich, dass solche Forderungen, wie Ihr sie unten geschrieben habt, etwas an seinem Vorgehen ändern oder uns mehr Geld bringen oder auch nur verloren gegangenes Geld zurückholen? Wenn Apotheken impfen, es wird sicher dann nicht bei Grippeimpfungen bleiben, wenn chronisch Kranke ihre Medikamente direkt über die Apotheken beziehen, wenn vielleicht dann AUs erst nach 14 Tagen ausgestellt werden müssen, dann stellt sich die Frage nach der Existenzberechtigung von Allgemeinmedizinern und die Finanzierungsfrage.

Inhaltlich können wir sicher über vieles diskutieren. Meiner Meinung nach bewegen wir uns aber aktuell auf sehr dünnem Eis. Herr Spahn ist anscheinend kein Freund der Hausärzte. Er schürt durch das TSGVO vermutlich Grabenkämpfe zwischen Spezialisten und Hausärzten im Sinne des Divide et Impera, so dass wir durch seinen Aktionismus vom Wesentlichen abgelenkt werden und uns mit uns selbst beschäftigen.

Erst vor wenigen Tagen forderte Spahn, dass Gesundheitsdaten für die Forschung freigegeben werden sollten. Und parallel wird uns die angeblich so sichere Telematikinfrastruktur aufgezwungen. Zufall? Die Gesundheitsdaten sind ein Milliardengeschäft. Herr Spahn sichert sich vermutlich einen gut dotierten Job für seine Zeit nach dem Ausstieg aus seinem Amt, wenn er nicht doch noch Kanzler wird, oder für danach.

Ich denke: Das Ziel ist es, die frei denkenden niedergelassenen Ärzte abzuschaffen und in MVZs von Geschäftsführern und Unternehmen abhängig zu machen. Das gefällt der Industrie, die schon in Bereitschaft ist. Ärzte müssen dann IGel andrehen und Zahlen vorweisen im Sinne der Gewinnmaximierung , sonst gibt es eine Abmahnung oder Entlassung. Ich kenne solche Fälle bereits. Auch Pharmavertreter nicht zu empfangen wäre vermutlich verboten. Und vieles mehr. Auch HZV steht ja beim Bundesversicherungsamt auf dem Prüfstand, die Anfrage von Lindner (FDP) über HZV ist auch nicht hausärztefreundlich. Es wird eng.

Die Gelder durch Impfungen, Chronikerziffern und geringere Einnahmen durch GESUs werden ggf. zum Problem für viele Kollegen.

Das ist meine Sicht auf die Dinge und soll als Wake up call verstanden werden.

Die Terminservicestellen oder Steuerung durch den Hausarzt?

Die sogenannten Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen müssen seit diesem Mai 7 Tage in der Woche 24 h erreichbar sein, damit Patienten Termine vereinbaren können. Grund sind teilweise lange Wartezeiten, vor allem bei Spezialisten. Neuerdings müssen auch Hausärzte Termine nennen, die über diese Servicestelle vermittelt werden, da es auch im hausärztlichen Bereich zu Engpässen kommt.

Warum dauert es so lange, einen Termin bei einem Spezialisten zu bekommen? Warum nehmen auch manche Hausarztpraxen keine weiteren Patienten auf? Warum braucht es angeblich eine solche Terminservicestelle, um dem Abhilfe zu schaffen?

Die Gründe sind systemischer Natur und haben unter anderem mit der von der Politik so hochgehaltenen „freien Arztwahl“ zu tun. Freie Arztwahl bedeutet dabei nicht nur, dass ich mir als Patient den Hausarzt oder Kardiologen oder Neurologen meines Vertrauens suchen kann, was absolut okay ist. Nein, es heißt, ich kann mir auch die Fachrichtung aussuchen. Bei Schwindel könnten das Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, Neurologen, Orthopäden, Kardiologen, Allgemeinmediziner, Psychologen sein und auf Überweisung einer der Ärzte dann noch die Radiologen. Es wird hier nicht sinnvoll gesteuert, der Patient entscheidet nach Gusto oder mit Halbwissen selbst. Hier braucht es eine Steuerung, die in den meisten Ländern der Welt die Hausärzte übernehmen.

Da sich jeder Patient selbst aussuchen kann, ob er einen Spezialisten aussucht und welchen er auswählt, werden wichtige Termine mit Lappalien verstopft. Jede Pickel auf der Nase kann vom Hautarzt abgeklärt werden, jedes Ziehen im Finger seit einigen Tagen vom Rheumatologen, jede Verspannung vom Orthopäden usw.

Es herrscht Hausärztemangel, der Nachwuchs kommt nicht in ausreichender Menge nach. Das liegt zum einen auch an der Reduktion der Medizinstudienplätze seit den 1990iger Jahren, die die Politik zu verantworten hat. Damals gab es eine Ärzteschwemme. Das liegt aber auch daran, dass die Hausarztmedizin durch viele bürokratische Tücken, wie Ärzteregresse, unattraktiv gemacht wird. Regresse sind der am meisten genannte Grund von jungen Ärzten, sich nicht in eigener Praxis niederzulassen. Obwohl es bereits einige Verbesserungen gab, wirkt das Drohpotential von existenzbedrohlichen Rückforderungen der Krankenkassen immer noch stark. Die Politik unter Spahn und Lauterbach tut aktuell ihr übriges, um das Führen einer Praxis schwer zu machen, wenn hier u.a. unter Strafandrohung die sogenannte Telematikinfrastruktur zwangseingeführt wird. Eine Förderung deckt hier nur einen Teil und keine Folgekosten, die in die Tausende gehen. Datenschutz nicht abschließend geklärt. Schweigepflicht damit bedroht. „Datenschutz ist nur etwas für Gesunde“, sagte Spahn jüngst. Dies schreckt ab.

Was ist zu tun? Die Politik sollte die Hausarztmediziner attraktiver machen und eine hausärztliche Steuerung per Gesetz einführen. Dann würden sich mehr Ärzte niederlassen und weniger in andere Bereich oder andere Länder ausweichen oder sich anstellen lassen. Regresse sollten abgeschafft und anderen Kontrollmechanismen, wie eine Medikamentenpositivliste mit verschreibungsfähigen Medikamenten etabliert werden. Die Zahl an Medizinstudienplätze sollte erhöht werden.

Die Terminservicestellen vermitteln Patienten einen Termin in einer Stunde Pendelabstand mit den öffentlichen Verkehrsmitteln um ihren Wohnort bei einem Arzt, der für sie gesucht wird zu einer Zeit, die für sie festgelegt wird. Das ist aber in den meisten Fällen gar nicht das, was die Patienten wollen. Die meisten Patienten möchten einen schnellen Wunschtermin bei einem Arzt ihres Vertrauens um die Ecke. Hierfür müssen wir das System ändern und die Hausarztmedizin stärken. Wir Hausärzte können ohnehin über unsere guten Kontakte in dringenden Fällen Spezialistentermine vereinbaren und auch entscheiden, wo diese nicht nötig sind. Das würde allen helfen.

Leserbrief zu dem Artikel von Andreas Mihm: „Der Arzt verschreibt künftig Handy-Apps“ FAZ, vom 16.5.2019, S. 15, Wirtschaft

Wie Andreas Mihm in seinem Artikel „der Arzt verschreibt künftig Handy-Apps“ in der FAZ vom 16.5.2019 auf Seite 15 richtig schreibt, reagiert Jens Spahn mit seinem Eintreten für Gesundheits-Apps auf Kassenrezept auf Klagen vieler Start-ups, die ihre Produkte auf dem deutschen Markt besser vermarkten wollen. Kein kritisches Wort zur Sinnhaftigkeit, kein Satz über die Gefahren, die eine Digitalisierung von oben herab bringt, kein Hören der anderen Seite, wie die von Ärzte oder Patienten. Früher galt mal, auch für die FAZ, das journalistische Motto „audiatur et altera pars“, immer auch die andere Seite hören und zu Wort kommen lassen. Spahn hat schon letztes Jahr geäußert, er besitze Apps, die besser wären als ein Arzt und hat damit den Weg für die jetzige Initiative für die Industrie gebahnt. Doch das ist populistische Augenwischerei. Der Patient benötigt den Arzt als Menschen, der zuhört, ihn versteht und mit all seiner Erfahrung mit Rat und Tat zur Seite steht. Apps können maximal eine Unterstützung sein, wenn sie richtig angewendet werden.

Genauso unkritisch wird die aufgezwungene Telematikinfrastruktur von Mihm als „sicheres Netz“ beschrieben, ohne die Skandale und Gegenmeinungen der jüngeren Zeit zu berücksichtigen. Wir Ärzte sind für eine Digitalisierung mit Mehrwert unter Einbeziehung unserer Erfahrung und Bedenken. Die Digitalisierung muss jedoch mit Bedacht geschehen, da es hier um die Einhaltung der Schweigepflicht und um den Datenschutz geht. Es wundert nicht, dass bei einem Umsatz von 1 Milliarde Euro pro Tag im Gesundheitssystem Begehrlichkeiten entstehen. Eine wichtige Währung sind die Patientendaten, die daher auch vor Übergriffen der Industrie und der Politik geschützt werden müssen. Aktiennotierte Unternehmen, wie die CompuGroup, verdienen sich an der veralteten und nun von oben über die Politik aufgezwungenen Technik eine golden Nase. Ärzte und Psychologen, die sich verweigern, müssen Strafe zahlen. Spahn betreibt Klientelpolitik. Die sogenannten Leitmedien reden ihm das Wort. Vielleicht müssen erst einmal vertrauliche Gesundheitsdaten von Spitzenpolitikern und Journalisten im Netz auftauchen oder im dark net verkauft werden, damit hier ein Umdenken stattfindet. Auch der Bundestag wurde bereits gehackt, warum sollten zentral gespeicherte Daten auf die Dauer sicher sein?

Dr. med. Christian Haffner, Frankfurt am Main